Wahrheitskonditionale Semantiken

Wahrheitskonditionale Semantiken besagen, dass die Bedeutung eines Satzes respektive eines Behauptungssatzes im Kern in seinen Wahrheitsbeding-ungen besteht, das heißt in den Mengen an Situationen, in denen er wahr ist.

Diese Wahrheitsbedingungen lassen sich anhand eines Bikonditionals angeben:

"p" ist wahr in L, genau dann, wenn p.

Beispiel:

"Es schneit gerade auf der Spitze des Mount Everest" ist wahr im Deutschen, gdw. es gerade auf der Spitze des Mount Everest schneit.

1. Einleitung

Es gilt zwei Kernfragen zu unterscheiden:

Semantik: Was ist die Bedeutung eines sprachlichen Ausdruckes?

Metasemantik: Woran liegt, dass ein sprachlicher Ausdruck die Bedeutung besitzt, die er besitzt?

Wahrheitskonditionale Semantiken besagen in Bezug auf die erste Kernfrage:

SemantikW: Die Bedeutung eines Satzes besteht in seinen Wahrheits-bedingungen. D.h. in den Mengen an Situationen, in denen er wahr ist.

Wahrheitskonditionale Semantiken lassen sich mit unterschiedlichen Antworten in Bezug auf die zweite Kernfrage kombinieren. Eine einflussreiche Antwort in Bezug auf die zweite Kernfrage geht auf den Philosophen David Lewis zurück:[1]

MetasemantikW: Sätze bekommen ihre Bedeutung durch die Konvention, bestimmte sprachliche Zeichen nur unter bestimmten Bedingungen zu verwenden. Für Behauptungssätze sind die konventionell zugewiesenen Behauptungen die Umstände, unter denen der Satz wahr ist - also seine Wahrheitsbedingungen.

1. Semantik

„Einen Satz verstehen, heißt, wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist.“
- Ludwig Wittgenstein: Tactatus Logico-Philosophicus, Satz 4.024.

Angenommen dasjenige, was beim Verstehen eines Satzes verstanden wird, ist die Bedeutung eines Satzes. Dann knüpft Wittgenstein in diesem Zitat die Bedeutung eines Satzes eng an seine Wahrheitsbedingungen: Um die Bedeutung eines Satzes zu verstehen, müssen sie wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist. D.h. sie müssen wissen, unter welchen Bedingungen er wahr ist.

Diese Forderung darf allerdings nicht missverstanden werden. Natürlich müssen wir nicht, um einen Satz zu verstehen, wissen, dass er wahr ist. Beispielsweise wissen wir nicht, ob es gerade auf der Spitze des Mount Everest schneit. Dennoch verstehen wir den Satz "Es schneit gerade auf der Spitze des Mount Everest". Denn wir wissen, welche Bedingungen vorliegen müssten, damit der Satz wahr sein soll. Das heißt, wir kennen seine Wahrheitsbedingungen.

Die Wahrheitsbedingungen einzelner Sätze lassen sich durch Bikonditionale angeben. Die Wahrheitsbedingungen von "Es regnet" oder "Schnee ist weiß" lassen sich beispielsweise durch die folgenden Bikonditionale angeben:

(1) "Es regnet" ist wahr, genau dann wenn es regnet.
(2) "Schnee ist weiß" ist wahr, genau dann wenn Schnee weiß ist.

Obwohl die Bikonditionale zunächst trivial und nichtssagend erscheinen, lassen sich durch Verweis auf sie wichtige Einsichten im Hinblick auf die Bedeutung von Sätzen formulieren. Das wird v.a. deutlich, wenn wir für die Sätze in Anführungs-zeichen einen jeweils bedeutungsgleichen Satz einer anderen Sprache einsetzen:

(3) "It is raining" ist wahr genau dann, wenn es regnet.
(4) "Snow is white" ist wahr genau dann, wenn Schnee weiß ist.

Angenommen, wir verstünden kein Englisch. Wenn uns eine Person die Bedeutung der beiden eingefügten englischen Sätze beibringen möchte, so kann er uns die Bikonditionale (3) und (4) lehren. Auf diese Weise kann er uns in die Lage versetzen, die Bedeutung der eingefügten englischen Sätze zu verstehen.

Hier sind einige Probleme wahrheitskonditionaler Semantiken:

- Sätze ohne Wahrheitswert: Viele Sätze haben keinen Wahrheitswert. Zum Beispiel "Hallo!", "Wie geht es dir?" oder "Bring mir bitte was mit!". Diese Sätze können weder wahr noch falsch sein und haben also keine Wahrheitsbedingungen. Wenn man eine wahrheitskonditionale Semantik als eine generelle Antwort auf die semantische Kernfrage ansieht, ist man darauf festgelegt, dass solche Sätze keine Bedeutung haben. Das scheint zumindest prima facie unplausibel. Wenn man die wahrheitskonditionale Semantik als eine partielle Antwort auf die semantische Kernfrage ansieht, ist man darauf festgelegt, dass sie nur die Bedeutung von Behauptungssätzen enthüllt.

- Sätze mit demselben Wahrheitsbedingungen: Einige Sätze haben dieselben Wahrheitsbedingungen. Zum Beispiel sind die beiden Sätze "Es regnet oder es regnet nicht" und "Schnee ist weiß oder Schnee ist nicht weiß" unter allen Umständen wahr. Und die beiden Sätze "Es regnet und es regnet nicht" und "Schnee ist weiß und Schnee ist nicht weiß" sind unter keinen Umständen wahr. Angenommen alle Lebewesen mit Leber besitzen auch Nieren und umgekehrt. Dann haben "Mäuse haben eine Leber" und "Mäuse haben Nieren" dieselben Wahrheitsbedingungen. Nach der wahrheitskonditionalen Semantik besitzen sie damit auch dieselbe Bedeutung. Das scheint aber prima facie unplausibel.

- Nicht alle sprachlichen Ausdrücke sind Sätze: Einige sprachliche Ausdrücke sind keine Sätze. Zum Beispiel Eigennamen wie "Platon" oder Prädikate wie "grün". Wenn man die wahrheitskonditionale Semantik als eine generelle Semantik auffasst, ist man darauf festgelegt, dass "Platon" oder "grün" an und für sich keine Bedeutung besitzen. Sie besitzen eine Bedeutung dann nur, wenn sie in (Behauptungs-)Sätzen auftauchen. Das scheint aber prima facie unplausibel. Wenn man die wahrheitskonditionale Semantik hingegen als eine spezifische Semantik für (Behauptungs-)Sätze begreift, muss diese um eine Semantik von zum Beispiel Eigennamen und Prädikate ergänzt werden.

2. Metasemantik

Angenommen, ich weiß, dass es regnet. Und ich möchte das meinen Freunden mitteilen. Dann kann ich einfach die Rollläden öffnen und ihnen den regenverhangenen Himmel zeigen. Ich kann meine Freunde auch auf die leise zu höherenden Regengeräusche aufmerksam machen. Oder ich erzeuge Regengeräusche und zeige auf die Tür. Ich kann aber auch den folgenden Satz niederschreiben oder äußern: "Es regnet". Die niedergeschriebenen Zeichen oder geäußerten Laute stehen in keinem offensichtlichem kausalen Zusammenhang mit dem mitgeteilten Inhalt. Anders als beispielsweise das Regengeräusch, die unter bestimmten Umständen auf Regen verweisen. Trotzdem kann ich den Satz "Es regnet" verstehen. Nach der wahrheitskonditionalen Semantik verstehe ich damit, was der Fall wäre, wenn der Satz wahr wäre, das heißt seine Wahrheitsbedingungen. Wie kann das sein? Oder noch allgemeiner gefragt:  Woran liegt, dass ein sprachlicher Ausdruck die Bedeutung besitzt, die er besitzt?

Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, ist es hilfreich, zunächst einfache Signalsprachen zu betrachten. In der Schifffahrt werden bestimmte Flaggen verwendet, um schnell und effektiv Informationen auszutauschen. Diese Kommunikation funktioniert, weil die Kommunizierenden wissen, dass bestimmte Flaggen nur unter bestimmten Umständen gehisst werden: z.B. Flagge 1, wenn eine Person über Bord gegangen ist; Flagge 2, wenn das Schiff manövrierbehindert ist; Flagge 3, wenn die Maschine des Schiffes gestoppt ist und keine Fahrt durchs Wasser gemacht wird.

Weil die Sprecher wissen, dass die Flaggen i.d.R. nur unter den angegebenen Umständen gehisst werden, kann mit dem Hissen einer solchen Flagge der Inhalt vermittelt werden, dass die entsprechenden Umstände vorliegen.

Diese naheliegende Erklärung lässt sich nun auch auf Behauptungssätze übertragen: Mit Behauptungssätzen lassen sich deswegen Informationen austauschen, weil die Kommunizierenden wissen, dass Sprecherinnen und Sprecher versuchen, die jeweiligen Sätze nur unter ganz bestimmten Umständen zu äußern. Wer also die Bedeutung eines Satzes versteht (wer mit dem Satz Informationen vermitteln und empfangen kann), weiß unter welchen Bedingungen der Satz (normalerweise) geäußert wird. Wer z.B. die Bedeutung von "Es regnet" versteht, weiß, dass der Satz (normalerweise) nur geäußert wird, wenn es regnet. Daher können Mitglieder meiner Sprachgemeinschaft aus meiner Äußerung von "Es regnet" auf das Vorliegen des Wetterphänomens schließen.

Es braucht dabei Konventionen, die festlegen, welche Sätze unter welchen Bedingungen geäußert werden. Sind die fraglichen Konventionen Abmachungen, bestimmte Zeichen nach bestimmten Regeln zu gebrauchen? Doch braucht man nicht schon sprachliche Kommunikation, um bestimmte Abmachungen auszuhandeln? Wenn ja, wie soll die Bedeutung sprachlicher Zeichen dann auf Konventionen beruhen, ohne dass diese Auffassung in einen Erklärungsregress gerät? Der Philosoph David Lewis hat sich dieser Frage angenommen:

„It is a platitude that language is ruled by convention. Words might be used to mean almost anything; and we who use them have made them mean what they do because somehow, gradually and informally, we have come to an understanding that this is what we shall use them to mean. [...] But how much better it would be to know what we are talking about: to have an analysis of convention [...].“
- David K. Lewis: Conventions (1969)

Lewis versteht Konventionen als Einrichtungen zur Lösung von bestimmten Koordinationsproblemen, die entstehen, wenn Handelnde ihre Handlungen aufeinander abstimmen müssen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Stellen wir uns vor, zwei Personen A und B leben in einer Region, in der Telefonverbindungen häufig unvorhergesehen abbrechen. A und B telefonieren miteinander, das Gespräch bricht ab. Beide haben ein Interesse daran, das Gespräch wieder aufzunehmen. Wenn allerdings beide anrufen, so empfangen beide nur ein Besetztzeichen und sie können ihr Gespräch nicht wieder aufnehmen. Wer ruft in dieser Situation an? Wie sollen sich die beiden Personen verhalten? Sie müssen ihre jeweiligen Handlungen (Anrufen bzw. Warten), aufeinander abstimmen, um ihr Ziel (Gespräch wieder aufnehmen) zu erreichen. Die Entscheidung der Person A, welche Handlung sie ausführen soll, hängt davon ab, welche Handlung sie von B erwartet – und B geht es genauso. Wie lässt sich dieses Koordinationsproblem lösen?

Nach Lewis sind Konventionen mehr oder weniger willkürlich entstehende und sich selbst bestärkende bzw. erhaltende Lösungen für Koordinationsprobleme dieser Art. In unserem Beispielfall könnte sich ohne konkrete Abmachungen nach und nach die Regularität entwickeln, das nach einem Verbindungsabbruch immer diejenige Person zurückruft, die angerufen wurde. Enscheidend dafür, dass eine solche Regularität nach Lewis’ Auffassung eine Konvention ist, sind weniger ihre Enstehungsumstände als vielmehr die Gründe für ihr Fortbestehen. Wenn alle Menschen in der besagten Region, die ein Telefon besitzen, wissen, dass die angeführte Regularität besteht, dann haben alle guten Grund, sich ebenfalls an die Regel zu halten. Die Regularität besteht fort und verfestigt sich, weil es im Interesse aller ist, sich dementsprechend zu verhalten. Eine Verhaltensregularität dieser Art ist nach Lewis eine Konvention.

Lewis präzisiert seinen Vorschlag anhand leicht unterschiedlicher Definitionen. In unserem Zusammenhang können wir uns an folgender Version orientieren:

Was ist eine Konvention?
Eine Verhaltensregularität R ist genau dann eine Konvention in Gemeinschaft G, wenn in hinreichendem Ausmaß folgende Bedingungen erfüllt sind:
1) Alle Mitglieder in G halten sich an R.
2) Jedes Mitglied von G ist davon überzeugt, dass sich die anderen Mitglieder von G an R halten.
3) Die Überzeugung, dass sich die anderen aus G an R halten, gibt einem Mitglied aus G Grund, sich selbst daran zu halten.
4) Jedes Mitglied in G zieht generelles Befolgen von R gegenüber nichtgenerellem Befolgen vor.
5) Es gibt eine Alternative R* zu R, die 3) und 4) ebenfalls erfüllt bzw. erfüllen würde.
6) Alle Mitglieder haben Common Knowledge hinsichtlich der Bedingungen (1)-(5). D.h. alle wissen (1)-(5); alle wissen, dass alle wissen, dass (1)-(5); usw.

Bedingung (1) ist notwendig, denn eine Regularität, an die sich niemand hält, ist gar keine Regularität – geschweige denn eine Konvention. Allerdings erscheint sie auf den ersten Blick etwas stark. Die Konvention auf der rechten Straßenseite zu fahren, besteht auch dann, wenn es in einer Gemeinschaft vereinzelte Geisterfahrer*innen gibt. Siehe Zusatz „in hinreichendem Ausmaß“.

Bedingungen (2) und (3) sind notwendig, um Konventionen von anderen Regularitäten, die klarerweise keine Konventionen sind (z.B. Betätigen der Klimaanlage bei Hitze) zu unterscheiden. Entscheidend ist hierbei der in (3) angesprochene Umstand, dass es in unserem eigenen Interesse ist, uns an die fragliche Regularität zu halten – vorausgesetzt alle anderen halten sich daran.

Bedingung (4) spricht dann explizit unsere Einstellung in Bezug auf das Verhalten anderer Mitglieder der Gemeinschaft an. Die Bedingung betont, dass es in Bezug auf Konventionen ein gemeinsames Interesse aller Mitglieder an Einhaltung der Regularität gibt.

Bedingung (5) fängt die Beliebigkeit von Konventionen ein. Eine Regularität ist nur dann eine Konvention, wenn es Alternativen gibt. [Erläutern.]

Bedingung (6) verwendet den Terminus Common Knowledge, der ein endlos iteriertes Wissen beschreibt. Die Bedingung verlangt also, dass alle wissen, dass alle wissen, dass alle wissen, ...., dass (1)–(5). Diese Bedingung ist in unterschiedlicher Hinsicht ungeheuer stark.

In unserem Zusammenhang genügt es, festzuhalten: Wenn eine konventionelle Regularität Koordinationsprobleme langfristig lösen soll, so müssen die Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaft, in der das Problem aufkommt, mindestens über Wissen erster Ordnung in Bezug auf die Bedingungen (1)–(4) verfügen.

Unter Rekurs auf diese von Lewis vorgeschlagene Analyse von Konventionen lässt sich zumindest für einfache Aussagesätze gut bestimmen, inwiefern sprachliche Bedeutung konventionell ist.

2. Generelle Kritik und Einordnung

Deflationäre Wahrheitstheorien erklären Wahrheit über das Wahrheitsschema:

"p" ist wahr in L, genau dann, wenn p.

Der deflationäre Minimalismus von Paul Horwich besagt etwa, dass die Bedeutung des Wahrheitsprädikates "ist wahr" durch Einsetzungen in das Wahrheitsschema vollständig festgelegt ist.[2] Das Wahrheitsschema nimmt dabei auf die Bedeutung von Sätzen Bezug (s.o.). Horwich meint deshalb, dass der Bedeutungsbegriff dem Wahrheitsbegriff vorgeordnet ist.[3]

 

Das Problem dabei ist, dass deflationäre Wahrheitstheorien den Wahrheits- durch den Bedeutungsbegriff erhellen. Wahrheitskonditionale Bedeutungstheorien erklären den Bedeutungsbegriff umgekehrt durch den Wahrheitsbegriff. Wenn man also sowohl eine deflationäre Wahrheitstheorie als auch eine wahrheitskonditionale Bedeutungstheorie vertritt, droht ein Definitionszirkel. Denn dann definiert man den Wahrheits- und den Bedeutungsbegriff wechselseitig miteinander. Horwich umgeht das Problem, indem er statt auf eine wahrheitskonditionale auf eine gebrauchsbasierte Bedeutungstheorie setzt.[3]

Es lassen sich in der gegenwärtigen Sprachphilosophie generell zwei besonders vielversprechende Typen von Bedeutungstheorien unterscheiden:

3. Fußnoten

[1] Lewis (1969).

[2] Horwich (1998a, S. 5f.).

[3] ebd., S. 16f., S. 68 - 71.
[4] Horwich (1998b).

4. Literaturverzeichnis

Horwich, Paul (1998a). Truth. Oxford: Oxford University Press.

Horwich, Paul (1998b). Meaning. Oxford: Oxford University Press.

Lewis, David K. (1969). Convention: A Philosophical Study. Cambridge: Cambridge University Press.

Stand: 2024

Kommentare: 1
  • #1

    Ursula Heinle (Samstag, 27 Januar 2024 21:29)

    Bin begeistert �


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